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Wie ein 26-jähriger Nerd Pikettys Thesen auseinander nimmt

Dirk Löhr

Matthew Rognlie hat zentrale Aussagen Thomas Pikettys relativiert und zum Teil widerlegt.

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Thomas Piketty

Anders als der Bestseller-Autor berücksichtigt der junge Mathematiker auch die Bedeutung des Immobilienmarktes. Hierzu s. den Beitrag in DIE WELT vom 07.04.2015:

26-jähriger Nerd nimmt Pikettys Thesen auseinander (bitte klicken)

Anders als im Artikel beschrieben, sind übrigens nicht “die Häuser” der entscheidende Aspekt, der von Piketty vernachlässigt wird. Es ist vielmehr der Grund und Boden mit seinen Erträgen – also der Bodenrente. Erwähnt, aber leider nicht ausgeführt wird dabei auch, dass die Grundsteuer das Instrument der Wahl für eine Verringerung der Ungleichheiten in der funktionalen Einkommensverteilung ist – indem die Bodenrente zugunsten der Allgemeinheit abgeschöpft wird.

Das zentrale Paper von Rognlie finden Sie hier zum Download:

Deciphering the fall and rise in the net capital share (bitte klicken)

Wer sich nicht nur aufregen, sondern auch etwas tun will, kann sich in der Unterstützerliste des bundesweiten Aufrufs

“Grundsteuer: Zeitgemäß!” (bitte klicken)

eintragen.

Another strike against Piketty: No price like home

Dirk Löhr

Another strike against the argument of Piketty: In a recent paper, launched by Knoll, Schularick and Steger (2014), a different channel of redistribution of wealth has been stressed. The article is tied to the work of Bonnet et al. (2014), who have shown that the late 20th century surge in wealth-to-income ratios in Western economies is largely due to increasing housing wealth. Moreover, in a recent study, also Rognlie (2015) established that (net) capital income shares increased only in the housing sector while remaining constant in others sectors of the economy.

House prices
Mean and median real house prices in 14 countries (source: Knoll, Schularick and Steger, 2014)

In contrast to Piketty (2014), the authors show that higher land prices can push up wealth-to income ratios even if the capital-to-income ratio stays constant. The critical importance of land prices for the trajectory of wealth-to-income ratios evokes Ricardo’s famous principle of scarcity: Ricardo (1817) argued that, over the long run, economic growth profits landlords disproportionately, as the owners of the fixed factor. Since land is unequally distributed across the population, Ricardo reasoned that market economies would produce rising inequality.

The paper of Knoll, Schularick and Steger (2014) traces the surge in housing wealth in the second half of the 20th century back to land price appreciation. The paper presents annual house prices for 14 advanced economies since 1870. Based on extensive data collection, they show that real house prices stayed constant from the 19th to the mid-20th century, but rose strongly during the second half of the 20th century. Land prices, not replacement costs, are the key to understanding the trajectory of house prices. Rising land prices explain about 80 percent of the global house price boom that has taken place since World War II. Higher land values have pushed up wealth-to-income ratios in recent decades.

The paper of Knoll, Schularick and Steger can be downloaded HERE (please click)

See also our blog articles:

Tim Worstall: CONTRA PIKETTY: IT’S NOT A WEALTH TAX WE NEED BUT A LAND VALUE TAX (English)

MICHAEL HUDSON: SITUATION WORSE THAN PIKETTY DESCRIBES (English)

HUDSON ON PIKETTY (English)

Dirk Löhr: PIKETTY: MARX RELOADED ODER ALTER WEIN IN NEUEN SCHLÄUCHEN? (German)

 

More Information and literature

Bonnet, O., P.-H. Bono, G. Chapelle, and E. Wasmer (2014): Does Housing Capital Contribute to Inequality? A Comment on Thomas Piketty’s Capital in the 21st Century, Science Po Department of Economics Discussion Paper.

Knoll, K. / Schularick M. / Steger, T. (2014): No Price Like Home: Global House Prices, 1870 – 2012, CESifo Working Paper No. 5006.

Piketty, T. (2014): Capital in the Twenty-First Century, Cambridge: Harvard University Press.

Ricardo, D. (1817): Principles of Political Economy and Taxation.

Rognlie, M. (2015): Deciphering the Fall and Rise in the Net Capital Share, Brookings Papers on Economic Activity.

 

Stiglitz über Umverteilung

Dirk Löhr

Im Nachgang zum Blogartikel DRAGHIS GELDPOLITISCHE BAZOOKA: EIN SCHUSS INS EIGENE KNIE?” mag auch der Vortrag von Joseph E. Stiglitz interessant sein:

New Theoretical Perspectives on the Distribution of Income and Wealth Among Individuals (bitte klicken)

Joseph E. Stiglitz
Joseph E. Stiglitz

Hierbei setzt sich Stiglitz ein weiteres Mal mit Piketty auseinander, der bereits in unserem Blogbeitrag

PIKETTY: MARX RELOADED ODER ALTER WEIN IN NEUEN SCHLÄUCHEN? (bitte klicken).

kritisiert wurde.

Im Rahmen der Niedrigzinspolitik (auch der Europäischen Zentralbank) wurde ein “Anlagenotstand” herbeigeführt. Dadurch wird Geld aus der Realwirtschaft in rententragende Assets der “Finanzstratosphäre” abgelenkt, also vor allem Unternehmensanteile und Land. Diese werden im Wert aufgeblasen, während die Investitionen in der Realwirtschaft immer weiter zurückgehen, wie auch Stiglitz betont. Unserer Meinung nach wachsen mit der Inflationierung der Finanzstratosphäre durch die geldpolitischen Spritzen die Ansprüche der dort “engagierten” Eigentümer an das in der Realwirtschaft erzeugte Sozialprodukt immer weiter an – dies bedeutet Umverteilung! Interessant sind dabei auch Stiglitz’ Aussagen hinsichtlich der Zusammensetzung der Assets: Während der normale “Mittelklassesparer” sein Geld eher in zinstragenden Investments hält (die kaum mehr Erträge erbringen), sind die Reichen eben in Unternehmensanteilen und Land investiert, die im Wert immer weiter ansteigen. Das Fazit: Die an sich wünschenswerte Niedrigzinspolitik führt UNTER DEN GEGEBENEN UMSTÄNDEN (!!!) zu Umverteilung von unten nach oben.

Stiglitz führt ähnliche Gedanken (auch über die Bedeutung von Land und Unternehmensmonopolen) noch einmal in einem Interview aus, in dem er sich mit Piketty auseinandersetzt:

Joseph Stiglitz: Thomas Piketty gets Income Inequality wrong

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: An sich ist eine Niedrigzinspolitik eine gute Sache; sie hat das Potenzial, die Konjunktur anzukurbeln und Verteilungskonflikte zu entschärfen. Problematisch wird es “nur”, wenn gleichzeitig die Möglichkeit aufrecht erhalten wird, in rententragende Assets auszuweichen. Dann kann sie ihre segensreiche Wirkung eben nicht entfalten – sondern kann zum Fluch werden.

Piketty: Marx reloaded oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Dirk Löhr

Das Buch von Thomas Piketty („Capital in the Twenty-First Century“) ist in aller Munde. In den USA bricht es Verkaufsrekorde und hat mit 685 Seiten die Chance, ein Klassiker zu werden: Schon der Titel des Buches knüpft an Karl Marx an. Und es ist DAS Thema unter ökonomisch Interessierten. Allerdings begnügen sich wohl die meisten Leser nach den ersten 80 Seiten entnervt mit rationaler Ignoranz und legen den Wälzer wieder beiseite.

Inhaltlich geht der gefeierte Piketty indessen nicht weit über die gescholtenen orthodoxen Ökonomen hinaus. In seinem Diskussionspapier „Critical Remarks on Piketty’s ‘Capital in the Twenty-first Century’” kritisiert der – durchaus nicht als heterodox bekannte – Ökonom Stefan Homburg, dass die Analyse von Piketty eine Unterscheidung von Land und Kapital vermissen lässt (s. Abschnitt 5). Insoweit steht Piketty in der neoklassischen Tradition von Clark (1893) und Knight (1946/1951), die als eine der ersten mit Erfolg diese Nebelkerzen warfen (in kaum einem Lehrbuch wird mehr zwischen Land und Kapital unterschieden).

Beides wird auch von Piketty stattdessen unter „Wealth“ verrührt. Dann wird eine „Wealth-Income-Ratio“ gebildet, die immer weiter ansteigt. Der von Piketty gezogene Schluss, dass dies auf eine Akkumulation des Faktors Kapital zurückzuführen ist, ist jedoch unhaltbar. Homburg zeigt anhand von OECD-Daten für das Beispiel Frankreich, dass vielmehr der Wert des Faktors Grund und Boden seit 1999 immer stärker inflationiert wurde. Seit der Einführung des Euro verdreifachten sich die Bodenpreise. Dies machte in Wesentlichen Teilen den Anstieg der „Wealth-Income-Ratio“ aus; die Relation von „Kapital“ zum Bruttoinlandsprodukt veränderte sich hingegen nicht nennenswert.

Zwar verzeichneten Wohngebäude innerhalb des Faktors Kapital durchaus eine erwähnenswerte Zunahme, nicht aber Maschinen und Ausrüstungen, die im Übrigen lediglich 5 % des Gesamtvermögens ausmachen. Dies ist bedeutsam, zumal die auf S. 221 von Piketty getroffene Schlussfolgerung, „ausgebildete Roboter“ („sophisticated robots“) würden immer stärker den Faktor Arbeit ersetzen und einen immer höheren Anteil des Nationaleinkommens an sich ziehen, mit den Fakten nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.

Ein Anstieg des Wertes des Gesamtvermögens ist also nicht auf einen Anstieg des Kapitaleinkommens am Nationaleinkommen zurückzuführen, und der Anstieg des Verhältnisses von Vermögen zu Einkommen wurde größtenteils nicht durch Ersparnisse und darauf basierendem Wirtschaftswachstum verursacht.

Homburg reißt allerdings mit dem Hinterteil wieder ein, was er zuvor mit seinen Händen aufgebaut hat: So ist er der Meinung, dass die Produktion durch die steigenden Bodenpreise nicht beeinträchtigt wird (s. 8). Er verkennt dabei, dass steigende Landpreise weiteres Kapital auf sich ziehen – zu Lasten produktiver Investitionen (vgl. Mattauch et al. 2013, S. 15). Schließlich verharmlost er die steigenden Bodenpreise in verteilungspolitischer Hinsicht dahingehend, dass seiner Meinung nach gerade die Mittelklasse hiervon profitierte (S. 7). Homburg erkennt dabei nicht, dass – wie in diesem Blog anhand der Branchenstudien („Gewinne und Renten: Beispiel …“) wiederholt illustriert wurde – der Kern der Gewinne von Großunternehmen die ökonomischen Renten sind. Diese entfallen auf größtenteils auf Land – wobei der Begriff “Land” in diesem Blog immer in einem weiten, an die klassischen Ökonomen anknüpfenden Verständnis verwendet wird, der über “Grund und Boden” weit hinausgeht. Der Wert des Eigenkapitals dieser Großunternehmen repräsentiert im Kern ebendiesen Wert von Land (Löhr 2013). Dies entgeht Homburg – und damit ebenfalls, dass die Shareholder-Value-Unkultur eng im Zusammenhang mit der Bodenpreisentwicklung steht und maßgeblich dazu beiträgt, den Mittelstand zunehmend zu erodieren.

So bleibt festzuhalten: So wertvoll die Datensammlungen von Piketty auch sind – das Buch ist mit großer Vorsicht zu genießen. Ebenso wie die Kritik von Homburg.

 

Literatur:

Clark, J.B. (1893), “The Genesis of Capital”, Yale Review, Vol. 2, November, S. 302-315.

Homburg, S. (2014): Critical Remarks on Piketty’s ‘Capital in the Twenty-first Century’, Discussion Paper No. 530, Institute of Public Economics, Leibniz University of Hannover, Germany. Online: http://diskussionspapiere.wiwi.uni-hannover.de/pdf_bib/dp-530.pdf

Knight, F.H. (1946/1951), “Capital and Interest”, in: Feliner, W. and Haley, B. (Eds.) Readings in the Theory of Income Distribution. Selected by a Committee of the American Economic Association, The Blakiston Co., Philadelphia, S. 384-417.

Löhr, D. (2013): Prinzip Rentenökonomie: Wenn Eigentum zu Diebstahl wird, Marburg 2013.

Mattauch, L. / Siegmeier, J. / Edenhofer, O. / Creutzig, F. (2013): Financing Public Capital through Land Rent Taxation: A Macroeconomic Henry George Theorem, CESIFO Working Paper No. 4280, category 1: Public Finance, June.